Der Welfenschatz eine Raubkunst?

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Der Welfenschatz eine Raubkunst?

Beitrag von marylinjackson am Mo Jan 22, 2018 9:05 pm

Es läuft eine USA Klage zur Herausgabe des Welfenschatzes aus dem Besitz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz seit 2015.
Aus den Mitteilungen darüber werde ich nicht schlau. Hat jemand nähere Kenntnis über den jetzigen Stand, nachdem auch ein Kulturschutzgesetz bei uns verabschiedet wurde?
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Re: Der Welfenschatz eine Raubkunst?

Beitrag von Skeptik am Di Jan 23, 2018 10:29 am

Aus diversen Wikipedia-Seiten:

...Dem vorausgegangen war ein Entscheid der deutschen Limbach-Kommission, die Empfehlungen zum Umgang mit Raubkunst ausspricht. Sie kam vor drei Jahren zu dem Ergebnis, dass die 44Stücke des mittelalterlichen Welfenschatzes aus dem Braunschweiger Dom im Jahr 1935 nicht unter Druck an den preußischen Staat verkauft worden seien. Als Grund nannte sie, dass der Schatz sich im damals noch freien Amsterdam befand. Verkäufer war ein Händlerkonsortium, das die Werke sechs Jahre zuvor aus Adelsbesitz erstanden hatte.
...Die Stiftung widersprach der Klage mit Hinweis auf die Immunität der Staaten, wonach ein Staat nicht im Ausland angeklagt werden kann. Das amerikanische Gericht erkennt jedoch eine Ausnahme von der Immunität, weil es sich bei dem Handel von 1935 um eine völkerrechtswidrige Enteignung gehandelt haben könnte.
...Der Fall wurde bereits vor der deutschen Beratenden Kommission zu NS-Raubkunst unter Vorsitz der 2016 gestorbenen früheren Präsidentin des Bundesverfassungsgerichtes, Jutta Limbach, verhandelt. Die Kommission kam 2014 ebenfalls zu dem Schluss, dass es sich bei den Exponaten nicht um NS-Raubkunst handele und der Verkauf nicht unter Zwang erfolgt sei. Die Kommission empfahl deshalb, die Stücke im Besitz der Stiftung zu belassen. Die Nachfahren wollten zunächst der Empfehlung folgen, reichten aber dann doch Klage ein.
...Die jahrelange Praxis der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zeige, dass sie sich für faire und gerechte Lösungen bei der Restitution von NS-Raubgut einsetze, erklärte Parzinger. Seit 1999 habe die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mehr als 50 Restitutionsbegehren bearbeitet und dabei mehr als 350 Kunstwerke und mehr als 1000 Bücher an die Berechtigten zurückgegeben, darunter Werke von Vincent van Gogh und Caspar David Friedrich.
...Außerdem deutet die Juristin in ihrer Urteilsbegründung sogar bereits an, welche Tendenz eine Entscheidung zur Sache haben könnte: "Die Kläger haben ausreichend begründet, dass die Nazis auf sie aufmerksam wurden, weil sie Juden waren, die etwas besaßen, woran die NS-Regierung großes Interesse hatte."
...Möglich sei eine solche Entscheidung, sagt der in Washington lebende Raubkunstexperte Willi A. Korte, weil man in den USA mit dem Thema ganz anders umgehe als in Deutschland: "Hier wird das Thema Raubkunst eng im Kontext des Holocausts gesehen, anders als in Deutschland und Europa, wo man sich auf die Details des Verlustes oder der Transaktion beschränkt.“


Wie war die Lage in den Niederlanden, wo sich der zu verkaufende Schatz 1935 befand:
https://www.uni-muenster.de/NiederlandeNet/nl-wissen/geschichte/vertiefung/interbellum/30er.html

https://books.google.de/books?id=GEqKAwAAQBAJ&pg=PA146&lpg=PA146&dq=SDAP+Niederlande+1935&source=bl&ots=8DVQTvcQuC&sig=44ls5oi0HWwIwFQvJh0mqiYYyAk&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjPkb-p2O3YAhWIjqQKHeZ4BIkQ6AEIKDAA#v=onepage&q=SDAP%20Niederlande%201935&f=false

Nach dem vorzeitigen Rücktritt des letzten Kabinetts Ruys’ übernahm im Frühjahr 1933 für die folgenden sechs Jahre Hendrik Colijn als „starker Mann“ der Niederlande das Amt des Ministerpräsidenten. Seine Amtszeit war geprägt durch die internationale Wirtschaftskrise und dem Ringen um innen- und außenpolitische Stabilität angesichts der Herausforderungen durch rechts- und linksextreme Parteien, soziale Unruhen und die zunehmenden politischen Spannungen in Europa, die von dem nationalsozialistischen Deutschland ausgingen.

1933 nach der Übernahme der Regierung durch die Nazis begann die immer stärkere Unterdrückung der Juden in Deutschland. Das erste KZ wurde 1937 errichtet:
http://www.holocaust-chronologie.de/chronologie/uebersicht/kurzfassung.html

Bericht der Klagevertreter in den U.S.A.:
http://www.sandw.com/news-Guelph-Treasure-District-Court-Ruling.html

Aus dem offiziellen Gerichtsdokument:
www.sandw.com/assets/htmldocuments/Order%20on%20Defendants%20Motion%20to%20DismissB2134010.pdf
Further, the 1935 sale resulted in a payment of 4.25 million RM, which Plaintiffs assert demonstrates the lack of an arms’-length transaction because it was barely 35% of the market value of the Welfenschatz. Id. ¶¶ 4, 12. Further, the money exchanged was never fully accessible to the Consortium because it was split and partly paid into a blocked account, and was subject to “flight taxes” that Jews had to pay in order to escape. Id. ¶¶ 4, 12. Moreover, in November of 1935, Goering presented the Welfenschatz as a personal “surprise gift” to Hitler during a ceremony. Id. ¶¶ 13, 179.

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Beitrag von marylinjackson am Di Jan 23, 2018 11:59 am

Etwas zum Hergang:
Die Weltwirtschaftskrise bahnte sich Ende der 20-er Jahre an und am "Schwarzen Freitag", dem 25.10.1929 gab es weltweite Panikverkäufe der Aktionäre in den Banken als Höhepunkt.

Der Besitzer des Schatzes, Herzog Ernst August von Braunschweig wollte für 24 Mill. Reichsmark den gesamten Schatz (82 Exemplare) schon 1928 verkaufen, bot ihn dann aber für 10 Millionen der Stadt Hannover samt Gärten und Herrenhäuser an.
Die Stadt lehnte den Kauf am 30.12.1929 (!)ab.
Daraufhin erwarb ein Konsortium von drei jüdischen Kunsthändlern für 7,5 Mio RM die aus 82 Stücken bestehenden Exemplare des Welfenschatzes am 5.10.1929 (!).
Die Hälfte davon, nämlich 40 Exemplare, wurden für 1,5 Mio RM bis 1932 an private und öffentliche Sammler ins Ausland verkauft.

Zuletzt wurden alle 82 Exemplare des Welfenschatzes 1930 im Berliner Schloss ausgestellt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Welfenschatz_(Liste)

In den zeitlichen Abläufen und Verkäufen sind Unstimmigkeiten zu bemerken. Auch an der folgenden Feststellung habe ich Zweifel:

"Die beteiligten Kunsthändler, die infolge der Weltwirtschaftskrise und der unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtergreifung Anfang 1933 einsetzenden antisemitischen Verfolgung offenbar innerhalb kurzer Zeit in ernsthafte wirtschaftliche Schwierigkeiten gerieten und zum Teil bereits vor 1935 ins Ausland emigrieren mussten, verhandelten augenscheinlich ab 1934 mit verschiedenen preußischen Ministerien über den Ankauf der Restsammlung, die sich zum Zeitpunkt der Verhandlungen in Amsterdam befand. Deren Wert wurde mit immerhin noch 6 bis 7 Millionen Reichsmark beziffert."
(Quelle Wikipedia)

Die restlichen Bestände lagerten bis 1935 in Amsterdam.
"Schließlich erwarb der Staat Preußen mit Hilfe der Dresdner Bank im Juni 1935 für die Staatlichen Museen Berlin die unverkauft gebliebenen 42 Stücke aus dem Besitz des Händlerkonsortiums (zwei weitere kurz darauf aus anderem Besitz) für einen Kaufpreis von angeblich 4,25 Millionen Reichsmark..."
(Quelle Wikipedia)

Die Nachfahren der Kunsthändler haben seit 2008 die Herausgabe des restlichen Welfenschatzes gefordert und geklagt.

.."Im September 2013 schaltete sich die israelische Kulturministerin Limor Livnat in den Streit ein und setzte sich in einem Schreiben an Kulturstaatsminister Bernd Neumann für die Erben ein. Damit erreicht die Angelegenheit eine politische Ebene..."
(Quelle Wikipedia)
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Re: Der Welfenschatz eine Raubkunst?

Beitrag von marylinjackson am Di Jan 23, 2018 2:57 pm

Ein späteres Ankaufsdatum des Welfenschatzes durch das Konsortium (1930) wird hier berichtet:

http://www.tagesspiegel.de/kultur/kunst-eine-frage-der-haltung/1505500.html
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Re: Der Welfenschatz eine Raubkunst?

Beitrag von Skeptik am Di Jan 23, 2018 4:08 pm

Aus dem Tagesspiegel:
Seitdem recherchiere man mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, könne aber derzeit noch nicht einschätzen, ob der Ankauf durch den preußischen Staat legal oder möglicherweise unter dem Druck der NS-Verfolgung zustande kam.

Egal ob 1929 oder 1930 - sicher haben die Käufer nicht aus freien Stücken 3-4 Jahre später die Stücke zu einem dem Wert nicht entsprechenden niedrigen Preis weiter verkauft. Dieses "möglicherweise" klingt doch sehr blauäugig und ist dem Schmerz geschuldet, der eine auf die Stiftung zukommende Restitution hervorruft.

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Re: Der Welfenschatz eine Raubkunst?

Beitrag von marylinjackson am Di Jan 23, 2018 6:05 pm

Der Tagesspiegelkommentar ist von 2009.
Danach  wurde das Ergebnis der Provenienzforschung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz oder SPK am 30.11.2010 bekannt gegeben, aktualisiert am 5.10. 2015:

https://www.preussischer-kulturbesitz.de/newsroom/dossiers-und-nachrichten/dossiers/dossier-welfenschatz/warum-ist-der-welfenschatz-kein-ns-raubgut.html

Ich las jetzt eben diese 21 DIN A4-Seiten der pdf-Datei und verstehe nicht das Klagebegehren der Erben.
Auf insgesamt  2 Verkaufsausstellungen im Jahr 1930 in Deutschland und anschließend auf 6 Verkaufsausstellungen in den USA bis Dez. 1931 waren die Kaufangebote für die Händler so enttäuschend, so dass das Gebot Deutschlands 1935 den Ausschlag gab.
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Re: Der Welfenschatz eine Raubkunst?

Beitrag von Skeptik am Di Jan 23, 2018 8:46 pm

Ja, das ist etwas merkwürdig. Ich weiß nicht, ob diese Rechnung etwas erklären kann:

7,5 Millionen Reichsmark : 82 Objekte = etwa 91.500 Reichsmark

42 Objekte x 91.500 = 3,84 Millionen Reichsmark

erzielter Preis für 42 Objekte = 4,25 Millionen Reichsmark

Jetzt ist nur noch die Frage, wie verteilten sich die wertvollsten Objekte auf die beiden Verkäufe um zu wissen wo gut oder schlecht verkauft wurde. Man sollte doch annehmen, daß bei der ersten "Verkaufswelle" das Wertvollste verkauft werden konnte.

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Re: Der Welfenschatz eine Raubkunst?

Beitrag von marylinjackson am Mi Jan 24, 2018 10:06 am

Zwei Verkaufsausstellungen waren in Deutschland 1930, alle weiteren im Ausland, bis es 1935 zum Ankauf der in Amsterdam lagernden Restbestände durch die Dresdener Bank kam.
Die damals erzielten oder angegebenen Verkäufe stehen in der verlinkten pdf-Datei.
Die heutigen Gewinne bei Auktionen wären viel höher.
Daher die Klage der Erben.
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